Adam und Eva
Warum war es „nicht gut“, dass der Mensch allein war?
1 Mose 2,18 – Hierauf sagte Gott der HERR: »Es ist nicht gut für den Menschen, daß er allein ist: ich will ihm eine Hilfe schaffen, die zu ihm paßt [oder: ihm zur Seite stehe; Heb.: ein Gegenüber].«
Anmerkung: Es war nicht gut, weil Adam offensichtlich Hilfe – eine Gehilfin – benötigte: etwas, das ihm trotz eines vollkommenen Gartens fehlte. Man könnte meinen, dass im Paradies von Anfang an alles vollkommen hätte sein müssen, und Gott vorwerfen, nicht weit genug vorausgedacht zu haben. Aber Gott hatte bestimmt einen Grund, warum der Mann allein nicht vollkommen war. Und Gott möchte uns durch Fragen und Erfahrungen lehren – Adam musste erst erfahren, dass ihm etwas fehlte, bevor diese Leere gefüllt werden konnte.
Was bedeutet „Hilfe“ wirklich?
Psalm 121,2 – Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde geschaffen.
Anmerkung: Im Deutschen klingt „Hilfe“ oder „Gehilfin“ (siehe Schlachter 2000) leicht nach einer untergeordneten Rolle – im Hebräischen aber wird genau dasselbe Wort für Gott selbst gebraucht. „Hilfe“ bezeichnet also keine geringere, sondern eine stärkende Hilfe – eine Art von Beistand. Eva wird Adam nicht als Ergänzung dessen gegeben, was er ohnehin selbst schaffen könnte, sondern als das, was ihm aus eigener Kraft fehlte. Dasselbe hebräische Wort ezer steht hinter dem Wort „Hilfe“ in 1 Mose 2,18 und Psalm 121,2.
Warum wählte Gott ausgerechnet die Rippe?
1 Mose 2,21 – Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so daß er einschlief; dann nahm er eine von seinen Rippen heraus und verschloß deren Stelle wieder mit Fleisch …
Anmerkung: Unter allen Knochen des menschlichen Körpers ist die Rippe eine Besonderheit: sie kann sich nach einer Entnahme regenerieren, und zwar zuverlässiger als jeder andere Knochen. Deshalb entnehmen Chirurgen bis heute gezielt Rippenstücke für Knochentransplantate: Kaum ein anderer Knochen wächst so verlässlich nach. Medizinisch gesehen ist sie damit nahezu der einzige Knochen, der hergegeben werden kann, ohne den Körper bleibend zu mindern. Daraus lässt sich eine schöne Einsicht ableiten: Wenn Gott etwas von uns nimmt, nimmt er nur das, was heilen kann. Er will uns dadurch etwas überaus Wichtigeres und Schöneres schenken, statt uns dauerhaft zu mindern.
Wie besonders war Evas Erschaffung?
1 Mose 2,22 – Und Gott der HERR bildete [baute] die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zu einer Frau und brachte sie zu dem Menschen. SCH2000
Anmerkung: Das gleiche Wort (banah), das normalerweise für den Bau eines Hauses, einer Stadt oder einer Mauer verwendet wird, wird hier für den „Bau“ der Frau verwendet. Sie ist kein nachträglicher Zusatz, sondern etwas absichtsvoll Entworfenes und Geplantes.
Was hat die Rippe mit dem Tempel zu tun?
1 Könige 6,5 – … und führte an der Wand des Tempels ringsum, sowohl um den Großraum als auch um den Hinterraum, einen Anbau auf und richtete so ringsum Seitenräume [gleiches Wort wie für Rippen] ein.
Anmerkung: Das hebräische Wort tsela für „Rippe“ in 1 Mose 2 begegnet uns hier wieder: als Bezeichnung für die Seitenkammern an der äußeren Tempelwand Salomos, in denen aufbewahrt wurde, was den Tempeldienst am Laufen hielt (vgl. auch Hesekiel 41,5-11). Ein Tempel mit nur seinem inneren Heiligtum ist heilig, aber kahl. Die Seiten-(Rippen-)Kammern machen ihn erst funktionsfähig.
Genau das ist Eva für Adam. Sie ist nicht Schmuck an einem fertigen Gebäude, sondern das, was ihn – wie die Seitenkammern den Tempel – erst funktionsfähig gemacht hat. Sie hat aus einem Garten, den Adam bewohnt hat, ein Zuhause gemacht, in dem er wirklich leben konnte. Sie stammt nicht nur von seiner Seite, sondern sie steht auf seiner Seite und vervollständigt ihn.
Christus und die Gemeinde
Was geschah an der Seite Jesu am Kreuz?
Johannes 19,34 – … sondern einer von den Soldaten stieß ihn mit seiner Lanze in die Seite; da floß sogleich Blut und Wasser heraus.
Anmerkung: Auch in der Seite von Christus geschah etwas. Am Kreuz öffnet ein römischer Speer die Seite des zweiten Adam (1 Korinther 15,45-49). So wie die Seite des ersten Adam geöffnet wurde, damit daraus etwas Neues geformt werden konnte, so wird auch Christi Seite im Tod geöffnet, und Blut und Wasser fließen heraus. Schon früh haben Ausleger darin keinen Zufall gesehen, sondern die bewusste Entsprechung zu 1 Mose 2. Auch Wasser und Blut – und, da im Blut das Leben ist, im weiteren Sinn auch der Geist (vgl. 1 Johannes 5,6-8) – sind zentrale Symbole für die Neugeburt (Johannes 3,3-5) und einen Neuanfang in Jesus.
Ist die Gemeinde nur ein nachträglicher Gedanke Gottes?
Epheser 1,22-23 – Ja, alles hat er ihm zu Füßen gelegt (Ps 8,7) und hat ihn zum alles überragenden Haupt gemacht für die Gemeinde, die sein Leib ist, die Fülle [volle Auswirkung] dessen, der alles in allen erfüllt [zu voller Ausgestaltung bringt].
Epheser 5,29-30 – … es hat ja doch noch nie ein Mensch sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern jeder hegt und pflegt es, ebenso wie Christus es mit der Gemeinde tut, denn wir sind Glieder seines Leibes, Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein.
Anmerkung: Auch Eva war kein nachträglicher Zusatz zu Adam, sondern ausdrücklich Teil von ihm: „Diese endlich ist es: Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch!“, ruft Adam bei ihrem Anblick aus, und beide sollen „ein Fleisch“ werden (1 Mose 2,23-24). Genau diese Formulierung – Fleisch und Gebein – greift Paulus hier für die Gemeinde auf: Sie ist kein späterer Zusatz zu Christus, sondern „Glieder seines Leibes, Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein“. Praktisch heißt das: Wer zu Christus gehört, gehört so eng zu ihm wie Eva zu Adam gehörte – kein Anhängsel, sondern derselbe Leib.
Was bedeutet es, jemandes „Gebein und Fleisch“ zu sein?
2 Samuel 5,1.3 – Und alle Stämme Israels kamen zu David nach Hebron und sprachen: Siehe, wir sind dein Gebein und dein Fleisch! / Und alle Ältesten Israels kamen zu dem König nach Hebron. Und der König David machte mit ihnen einen Bund in Hebron vor dem HERRN. Und sie salbten David zum König über Israel. SCH2000
Anmerkung: In Hebron begegnet uns dieselbe Formel wieder, jetzt als Zugehörigkeitserklärung: Ganz Israel kommt zu David und sagt „wir sind dein Gebein und dein Fleisch“ – sie schließen einen Bund mit ihm und salben ihn zum König (vgl. 1 Chronik 11,1). Wer das sagt, meint mehr als Verwandtschaft: Er stellt sich auf die Seite des anderen und macht dessen Sache zur eigenen. Als David nach Absaloms Aufstand mit denselben Worten um Juda wirbt, wendet sich ihm das Herz aller Männer Judas einmütig zu (2 Samuel 19,13-15) – aus Zugehörigkeit wird gemeinsame Gesinnung. Zur Gemeinde des Sohnes Davids zu gehören bedeutet dasselbe wie damals: auf seiner Seite zu stehen, in seinem Bund zu leben und seine Gesinnung zu teilen (vgl. Philipper 2,5).
Die Worte allein garantieren die Gesinnung allerdings nicht: Laban gebrauchte sie gegenüber Jakob und betrog ihn dennoch (1 Mose 29,14), und Abimelech missbrauchte sie für seinen Griff nach der Königswürde (Richter 9,2).
Warum wurde niemand für sich allein gebaut?
Epheser 2,21-22 – … in ihm wächst jeder Bau, fest zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn empor, und in diesem werdet auch ihr (Heiden) mitauferbaut zu einer Wohnstätte Gottes im Geist.
Anmerkung: Genau wie bei Adam gilt: „Allein“ war nie der Zielzustand. Kein Gläubiger wird im Neuen Testament als einzelner, fertiger Baustein beschrieben – jeder wird „mitauferbaut“, zusammen mit anderen. Dieselbe Bausprache aus 1 Mose 2 (Eva wurde gebaut, nicht nur geformt) kehrt hier wieder, jetzt auf die ganze Gemeinde angewandt. Ein einzelner Baustein, wie gut er auch behauen ist, ist noch kein Haus. Praktisch bedeutet das: Ein Glaube, der sich nur privat und einzeln abspielt, bleibt unvollständig – nicht weil er ungültig wäre, sondern weil er nicht das ist, wofür er gemacht ist. Auch die Gemeinde wurde nicht für die Isolation gebaut.
Was bedeutet es, dass die Gemeinde Christi Braut ist?
Epheser 5,31-32 – »Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen [d. h. sich mit ihr fest und unauflöslich verbinden], und die zwei werden ein Fleisch sein«. Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und auf die Gemeinde. SCH2000
Anmerkung: Paulus zitiert hier direkt 1 Mose 2,24 – den Vers unmittelbar nach der Erschaffung Evas aus der Rippe – und erklärt: Das war nie nur eine Aussage über die Ehe. Es beschrieb im Vorschatten, was zwischen Christus und der Gemeinde in Vollkommenheit geschehen würde. Eine Braut ist mehr als eine Angestellte oder Untergebene: Sie wird geliebt, umworben, und ihr wird ein gemeinsames Leben zugesagt. Praktisch verändert das die Perspektive: Wer zu Christus gehört, steht nicht wie ein Angestellter vor seinem Arbeitgeber, sondern wie eine Braut, die weiß, dass sie gewollt, geliebt und mit einem hohen Preis erkauft wurde.
Fazit
Wie Eva aus Adams Seite entstand, ist die Gemeinde aus Christi Seite entstanden – kein nachträglicher Zusatz, sondern von Anfang an der Grund, wofür Christus zum Haupt über alles gemacht wurde. Wer „sein Gebein und Fleisch“ ist, steht auf seiner Seite – bis daraus, wie einst bei David und Juda, gemeinsame Gesinnung wird.
Die Seitenkammern des Tempels hielten den täglichen Dienst am Laufen, während das Heiligtum selbst heilig blieb. Diese Rolle übernimmt die Gemeinde für Christus: Er wirkt durch seinen Geist, aber das Alltägliche – das Evangelium in die Welt zu tragen – geschieht durch sie. Göttliches und Menschliches wirken zusammen, bis zur Vollendung.
Und wie Adam allein nicht vollständig war, sind auch wir keine Alleinkämpfer: Wir brauchen Christus – und einander. Dabei ist die Gemeinde nicht nur nützlich für einen Auftrag, sondern geliebt wie eine Braut.
Fußnoten
SCH2000 – Schlachter 2000. Alle anderen Stellen aus Menge Bibel (1939).
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